Nach gefühlten Jahrzehnten bin ich wieder mal auf einer Demo gewesen. Da ich ja dem linken politischen Spektrum entstamme, waren Demonstrationen eine Zeit lang für mich durchaus eine regelmäßige Beschäftigung. Dabei hab ich irgendetwas falsch gemacht, denn diese ominösen finanziellen Zuwendungen, die man da angeblich von den Sozis, den Grünen, Moskau, dem Mossad oder sonst wem bekommt, sind an mir immer spurlos vorüber gegangen. Dennoch war ich recht geübt, kannte auch alle Demosprüche – wer sich die wohl immer einfallen lässt – und alle Teilnehmer – es sind ja doch meistens dieselben. Aber das ist lange her.

Nun war ich aber heute wieder einmal dabei. Warum? Na ja das mit dem 12-Stundentag ist ja wohl wirklich ein schlechter Witz. Und wer ernsthaft glaubt, dass diese 12 Stunden Mehrarbeit freiwillig sind, ist entweder sehrsehrsehrsehrsehr naiv oder ein berechnendes Arschloch – tut mir leid, wenn ich da jetzt so drastisch werde, aber anders kann ich es nicht ausdrücken. Na gut also ich hin. Und war etwas überfordert. So viele Menschen. Und ich kenne keinen mehr. Die Sprüche sind aber immer noch dieselben, zumindest zum Teil. Na ja einfach mitten rein, wird schon für was gut sein, plötzlich stürzt sich eine junge Frau auf mich und will eine Unterschrift – gegen den 12-Stundentag. Gut deswegen bin ja hier also unterschreib ich. Dabei fällt mir auf, dass die Frauen oder Männer, mit den großen Anliegen immer so in meinem Alter waren. Die ist leicht 10 Jahre jünger als ich. Und plötzlich wird mir bewusst, ich bin jetzt einer von diesen alten Herren, die auf die Demos gehen, weil sie noch immer daran glauben, dass sie die Welt verändern können. Die anderen in meinem Alter kommen da nicht mehr her, die sind ja jetzt alle erfolgreich. Die, die das Kapital gelesen haben, haben plötzlich Strategien entwickelt, wie man ran kommt. Blöd, dass ich das erst jetzt zum Lesen begonnen habe und dabei irgendwie nicht weiter komme, denn das Ganze ist ein wenig sperrig.

Aber heute geht es ja nicht um die Weltrevolution, sondern nur um die Rettung des 8-Stundentages. Wobei ein paar sind natürlich auch wieder hier, um die Welt zu retten. Apropos, wo sind die ganzen trotzkistischen Sekten, die mir ihre Zeitungen andrehen wollen, wo die ganze Wahrheit drin steht? Ah ja da kommen sie aus allen Ecken, aber irgendwas ist anders. Ja nämlich dass es reicht kurz höflich: „Nein danke“ zu sagen. Also früher hätten die Trotzkis das nicht akzeptiert. Sie hätten mich als Revisionist oder Stalinist beschimpft oder sich empört gezeigt, dass man die Wahrheit nicht lesen will. Die sind so höflich geworden, scheitert die radikale Linke jetzt an ihrer Höflichkeit? Immerhin der schwarze Block ist da. Da werden Erinnerungen wach, wir hatten schon unsere schönen Zeiten der schwarze Block und ich – also das eine Mal, wo ich mich getraut habe bei ihnen mit zu gehen und mich dann verzupft hab, als die Polizei aufgetaucht ist. Heute haben sie Pyrotechnik mitgebracht, aber ehrlich an einem guten Tag tut sich in der Allianzarena in Hütteldorf mehr. Dann spreche ich kurz mit Mitgliedern der Jungen Linken. Ein junger Genosse ereifert sich, dass die FCG noch in der ÖVP ist. „Die sind dort falsch, das ist ja eine neoliberale Partei.“ Könnte ich sein, vor 10 Jahren, als ich noch nicht verstand, dass es Arbeiter gibt, die freiwillig eine Partei unterstützen, die ihnen am Schädel scheißt. (Meine Sprache bitte ich zu entschuldigen, aber es passt zum Thema). Natürlich musste ich auch kapieren, dass in Anbetracht der Tagträumereien und Realitätsferne mancher Linker verständlich ist, dass die Hackler diesen nicht unbedingt vertrauen, aber das behalte ich für mich. Ich will nicht so ein frustriertes erwachsenes Arschloch sein, dass jungen Träumern ihre Illusionen raubt, das wird ihnen so und so passieren.

Auf der Bühne spricht Dr. Norbert Schnedl, Vizepräsident und Chef der GÖD (Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes). Die arme Sau ist Christgewerkschafter, was hat der verbrochen, dass er hier her muss? Tapfer hält er eine Rede, die versucht Versöhnung mit der Regierung irgendwie in Einklang zu bringen mit der Verteidigung der Arbeitnehmerrechte. Der hat gestern sicher eine Wette verloren, jetzt muss er hier vor dem roten Mob sprechen. Der kommunistische Genosse neben mir schlägt vor, quasi als Antwort auf die Christgewerkschafter eine kommunistische Fraktion in der Wirtschaftskammer zu gründen. Hat was. Bund der dunkelroten Unternehmer, in China funktioniert es ja auch.

Auf der Bühne sprechen diverse Funktionäre der Arbeiterkammer. Warum können die eigentlich alle nicht reden? Dieses einschläfernde Blabla, wen soll das mitreißen oder aufrütteln? Die AK-Präsidentin macht Kunstpausen, die ich zuletzt bei Otto Schenk gehört habe, nur, dass der damit einen Stil kreiert hat, die dagegen einfach nur erreicht, dass die Aufmerksamkeit abdriftet. Immerhin dann werden diverse Arbeiter und Betriebsräte geholt, die sich zu ihren Jobs und den Problemen äußern und was es bedeuten würde, 12 Stunden hakeln zu müssen. Die können reden, und die haben es sicher nie gelernt. Vielleicht ist es doch einfach wichtig etwas zu sagen zu haben. Immer wieder von den ÖGB-Funktionären der Appell die Sozialpartnerschaft einzuhalten. Dass die WKÖ und die IV kein Interesse daran haben jetzt noch auf die Sozialpartnerschaft zu setzen, ist ihnen wohl nicht klar. Immerhin eine flammende Ansprache des ÖGB-Präsidenten Wolfgang Katzian. Wenn der halb so viel tut, wie er jetzt ankündigt, dann ist die Arbeiterklasse gerettet. Immerhin sind ja laut polizeilichen Angaben 80.000 Teilnehmer da. Kurzer Anflug von Optimismus, vielleicht kann man ja auch was ändern in dem Land. Da schreit Katzian: „Fragt das Volk, ob es 12 Stunden arbeiten will!“ Mir wird anders. Eine Volksabstimmung über den 12 Stundentag? Also ich bin wirklich nicht der Nestbeschmutzer Nr. 1, aber ich trau diesem Volk punkto Masochismus so ziemlich alles zu. Da hätten wir dann schwarz auf weiß, dass 60% der Österreicher 12 Stunden hakeln wollen. Und der Rest soll halt scheißen gehen, so wie das bei uns immer ist.

 

Ich blicke um mich, überall Zuversicht. Die jungen Linken (nicht nur die in der Jungen Linke) machen Selfies – ein Demoselfie, das hat es zu meiner Zeit auch nicht gegeben – oh Gott ich werde wirklich alt. Voll Nostalgie erinnere ich mich an das Jahr 2000. Meine erste Demo – damals gegen die erste schwarz-blaue Regierung und ich im zarten Alter von 15, weniger als halb so jung wie ich jetzt bin. Na gut, es wird Zeit zum Gehen. Die Demo ist sowieso aus. Was bleibt ist der Dreck am Boden des Heldenplatzes, tausende Flugblätter, kaputte Fahnen und Pfeifen, Essensreste und Bierdosen. Zeit für die MA48 den Dreck weg zu putzen, hoffentlich brauchen sie keine 12 Stunden dafür.